Donat Fisch

Foto: Franziska Scheidegger

Donat Fisch

Am 16.03.56 kam ich in Bern in einem kunstinteressierten Eltern­haus zur Welt. Während meiner Jugendzeit trieb ich mich am liebsten am Fluss und in den Wäldern herum.
Es war mein Ziel Naturforscher zu werden und so die Welt zu entdecken. Von meinem Vater Rolf Fisch, Maler und Zeichenlehrer an der Kunstgewerbeschule in Bern, habe ich viel über den Umgang mit kreativen Fähigkeiten gelernt. Er lehrte mich, die Gestalten der Natur als Kunstwerke zu betrachten, ihnen Respekt entgegenzubringen, sie als Inspirations­­quellen wahrzunehmen. So war Kreativität allgegenwärtig!
Das Aufwachsen in der Siedlung Halen hat mich geprägt. Die Eltern meiner Freunde waren Schreiner, Grafiker, Möbel­designer, Architekten. Die Bewohner waren in Aufbruch­stimmung und kommunizierten rege miteinander. Das Dorfartige Projekt in verdichteter Bauweise war damals revolutionär und ist bis heute internationales Vorzeigeobjekt geblieben.

Angeregt durch Freunde und den Besuch von Rockkonzerten, begann ich auf eigene Faust Gitarre zu spielen und wurde schnell improvisations­süchtig. Auf der Suche nach Platten von Jimmy Hendrix, Greatful Dead, Cream usw. entdeckte ich 1978 den Jazz und nahm bald darauf Gitarren­unterricht an der Swiss Jazz School. Zu dieser Zeit hörte ich „A Love Supreme“ von John Coltrane und es war mir sofort klar, dass ich Saxophonist werden wollte.
Zwei grossartige Tenoristen, Andy Scherrer und der damals in Bern wohnende Sal Nistico waren meine Lehrer. Nach dem Studium hat mich die Begegnung mit Jerry Bergonzi massgeblich beeinflusst.

1983 schloss ich das Biologie­studium als Verhaltens­forscher an der Universität Bern, 1986 das Musikstudium an der Swiss Jazz School ab. Seit Kindsbeinen habe ich immer wieder an meinen Zeichnerischen Fähigkeiten gearbeitet. An der Kunstgewerbeschule (79-83) besuchte ich Kurse mit dem Ziel wissenschaftliches Zeichnen zu beherrschen. Phasenweise habe ich ständig ein Skizzenbuch mit mir herumgetragen und spontan vor allem innere Bilder festgehalten. Es entstanden auch Reiseskizzen auf einer prägenden sechsmonatigen Reise (1975) in den nahen Osten, Aegypten und den Sudan, sowie bis heute auf einsamen Trekkings im Norden Lapplands.

Die Geburten meiner Kinder Maria und Lukas, 1986 und 1988, veränderten mein Leben radikal. Meine beruflichen und künstlerischen Pläne wurden zu einem grossen Teil dem monetären Zwang und der vielseitigen Aufgabe, für die Kinder da zu sein, unterworfen.

1989 gründete ich die Band „Fisch im Trio“ mit Norbert Pfammatter am Schlagzeug und Thomas Dürst am Bass (ab 2005 Bänz Oester). Dieses Trio und das 1996 entstandene Duo „Circle &Line“ mit dem Schlagzeuger Christian Wolfarth bildeten die beiden Plattformen meiner musikalischen Tätigkeit. Das Trio erweiterte ich von Zeit zu Zeit zum Quartett, so mit Hans Koch blc, Adrian Mears tb, Muneer Fennell cl, Peter Schärli tp.
Seit 2008 ist mein ehemaliger Lehrer, der Tenor­saxophonist Andy Scherrer festes Mitglied meiner Band „Donat Fisch Quartett“. Mein musikalisches Konzept lehnte sich anfangs an dasjenige von Sonny Rollins „Freedom Suite“ an. Später entdeckete ich die frei improvisierte Musik und arbeitete an ihren Berührungspunkten mit traditionellen Formen des Jazz und folkloristischer Musik (John Coltrane, Ornette Coleman...). Durch meine Art zu üben schlugen sich auch Konzepte in meinem Repertoire nieder ( Antony Braxton).
Seit 1986 arbeite ich vor allem an einer eigenen Ausdrucksweise und Sprache auf dem Saxophon und an Kompositionen mit individueller Ausprägung.

Je älter ich werde, umso deutlicher erkenne ich die unendliche Grösse des Musikalischen Kosmos. Mein im Vergleich dazu kurzes Leben fordert eine klare Positionierung als Künstler. Ich möchte die Orientierung nicht verlieren und dabei offen bleiben für Neues. Bildung, kontinuierliches Arbeiten am Instrument und Verfeinern der eigenen Sprache führen mich hoffentlich auf den Weg zur musikalischen Freiheit.

Naturforscher bin ich geblieben, mache meine Entdeckungen überall dort, wo ich hinschaue. Als Botaniker finde ich in den Alpen nicht die gleichen Pflanzen wie im Amazonas. Aber ich erkenne an beiden Orten die Zusammenhänge des Lebens und natürlich staune ich über die wunderbare Vielfalt der Natur.
Als Künstler schöpfe ich aus dem Jetzt. Bin ich offen und aufmerksam genug, liegt mir Vieles griffbereit zu Füssen. Aber es ist schwierig, diese Aufmerksamkeit und Offenheit zu erlangen und sie, sei es auch nur für kurze Zeit, aufrecht zu erhalten.
Technische Fähigkeiten schärfen meinen Blick. Die aktuelle Arbeit, meine Konzepte und meine Interessen bestimmen die Blickrichtung.
Mit meinen Kompositionen gebe ich diesen Entdeckungen eine Gestalt. Es sollen solide gebaute Vehikel entstehen, mit denen ich und meine Mitmusiker weiter in bestimmte Klangräume vorstossen können.
Es ist das Ziel, die Zuhörer auf diese Reise mitzunehmen, ihnen meine Entdeckungen näher zu bringen. Wie dies mein Vater getan hat, als er mich über die wunderbaren Gestalten der Natur hat staunen lassen.
Gute Musiker sind sowohl Magier als auch Mystiker.

All diese Fähigkeiten und Werkzeuge zum Musizieren versuche ich bereitzuhalten. Bei Bedarf möchte ich sich anwenden können, ohne einen Gedanken an sie verlieren zu müssen. So kann ich eigene Grenzen überschreiten. Das ist meine tägliche, nie enden wollende Arbeit als Künstler.

Rembrandt wurde von seinen Schülern gefragt, wie er es vollbringt, solch vollendete Werke zu schaffen. Darauf antwortete der Meister: „Nehmt einen Pinsel und fangt an!“