Aargauer Zeitung 2002

Der Saxofonisten Donat Fisch ist ein Musiker, der seit Jahren seinen konsequent eigenständigen Weg innerhalb der Schweizer Szene verfolgt. Die Zeit heilt nicht nur Wunden, sie lässt auch vieles, was einst als Provokation oder Revolution empfunden wurde, in einem ganz andern Licht erstrahlen. Der afro-amerikanische Altsaxofonist Ornette Coleman, der Ende der Fünfzigerjahre mit seinem weissen Plastikinstrument die Szene betrat, löste damals heftigste Kontroversen und oft auch Aggressionen aus. Er hatte nämlich mit einer alten Regel gebrochen. Seine Improvisationen orientierten sich nicht mehr am Akkordschema der Ausgangsmelodie. Er selber und seine Mitstreiter sollten vielmehr spontan ihrer Eingebung folgen und sich nicht an ein vorhandenes Gerüst klammern. «Let's play the music and not the background", lautete die entsprechende Devise. Man könnte sie so ausdeuten, dass nicht ein theoretischer Hintergrund, sondern vielmehr das Unterbewusstsein den Vorgang der Improvisation steuern müsste. Der deutsche Musikologe Ekkehard Jost spricht denn auch von Ornette Colemans motivischen Ketten- Assoziationen und macht damit ebenfalls eine Begriffsanleihe bei der Psychologie. Heute empfindet der geübte Hörer die Musik von damals als eine durchaus organische, die viel Sinn für volksliedhafte Melodien und tänzerische Rhythmen verrät. Zahlreiche Jazzmusiker pflegen denn auch weltweit dieses Konzept der motivischen Improvisation. In der Schweiz tut dies besonders erfolgreich der Berner Alt- und Tenorsaxofonist Donat Fisch. Er erzählt dabei in der Sprache seines Vorbildes aber durchaus eigene Geschichten. Seit 1989 arbeitet er mit dem Bassisten Thomas Dürst und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter als „ Fisch im Trio». Und immer wieder erweitert er die Gruppe mit einem zweiten Bläser zum Quartett, was natürlich wiederum an Ornette Coleman und seine legendäre Formation mit Don Cherry erinnert. Jetzt stellt sich Peter Schärli als Trompeter , und damit als zweiter Mann neben Fisch in die Frontlinie. Vor dem treibenden Rhythmusgespann Dürst- Pfammatter entwickeln die beiden Bläser aus den Ausgangsthemen – sie stammen durchwegs von Fisch selber – spannende und mitreissende Solo-Exkursionen, oft auch ein kollektiv sich umrankendes Geflecht. Die eben erschienene CD, die zwar .Mr. Goodman- heisst, aber (fast) nichts mit dem «King of Swing» Benny Goodman zu tun hat, präsentiert eine Gruppe von eindrücklicher Geschlossenheit und überschäumender Spielfreude. Die Scheibe, die beim Label amoniac-music erschienen ist (und in der Schweiz von Plainisphare vertrieben wird), gehört zum Besten, was der hiesige Jazz dieses Jahr zu bieten hat. Doch auch im Live-Kontext wird die Gruppe zweifelsohne ihre Qualitäten voll entfalten.

Bruno Rub

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