Der Landbote 2013 / St. Galler Tagblatt 2013 / Basler Zeitung 2013

Wundersaxofonisten und Wummerbässe
Nicht nur am Schwingfest in Burgdorf, auch am Jazz Festival in Willisau schwingt ein Berner obenauf. Wenig Überzeugendes gab es dagegen aus Übersee zu hören. Für Jazzmusiker ist die Tradition eine Bürde, die es mit grösstmöglicher Grazie zu tragen gilt. Diese Herkulesaufgabe gelang am 39. Jazz Festival Willisau dem Quartett des Berner Saxofonisten Donat Fisch mit Abstand am überzeugendsten. Fisch ist kein Neuerer, sondern ein Erneuerer – seine vielleicht grösste Leistung besteht darin, die Errungenschaften des Avantgarde-Jazz (Ornette Coleman, Sam Rivers und so weiter) mit einem Formbewusstsein zu kombinieren, das manchmal geradezu klassizistische Züge trägt. Dadurch schafft er es, dass seine Musik – er schreibt alle Stücke selbst – frisch und reif zugleich klingt. Kommt hinzu, dass Fisch seit vielen Jahren auf den zwischen Furor und Finesse oszillierenden Support des überragenden Drum-’n’-Bass-Tandems Norbert Pfammatter und Bänz Oester zählen kann: Ob Swing, Rubato oder ungerade Metren – alles bekommt bei diesen Rhythmusmeistern einen natürlichen Fluss.

Trios ohne Bass
Seit einigen Jahren erweitert Fisch sein Trio zeitweise durch seinen ehemaligen Lehrer Andy Scherrer. Bisher waren sowohl Fisch als auch Scherrer in Willisau nur gerade einmal im Hauptprogramm vertreten – beide mit einer Big Band. Nun konnten sie endlich ihre ganze Klasse unter Beweis stellen. Was für eine sensible und gleichzeitig expressive Klangkultur! Was für ein Ideenreichtum! Getrübt wurde der Genuss dieser kongenialen Saxofonisten-Kombination allerdings durch die zu laute und zu basslastige Abmischung; diese gelangte auch bei den meisten anderen Konzerten zur Anwendung. Eigentlich unverständlich, dass die spezifische Sound-Ästhetik des Jazz in Willisau einen derart schweren Stand hat. Dass es durchaus weniger laut und ohne wummrigen Bass geht, bewies der vergnügliche Auftritt des semi-anarchistischen deutschen Quartetts Squakk mit Rudi Mahall (Klarinette, Bassklarinette), Christof Thewes (Posaune), Jan Roder (Bass) und Michael Griener (Schlagzeug). Ohne Bass gingen zwei sehr unterschiedliche Trios ans Werk. Die Musik der schweizerisch-italienischen Gruppe Third Reel ist ein allzu sehr auf ätherischen Wohlklang fokussierter Abklatsch des bahnbrechenden Paul Motian Trio: schön harmlos. Der Saxofonist Anthony Braxton, der als Avantgarde-Ikone gelten darf, präsentierte ein Ad-hoc-Trio mit dem Kornettisten Taylor Ho Bynum und dem Perkussionisten Gerry Hemingway. Früher bestritt Braxton in Willisau viele denkwürdige Konzerte; sein auf dem Basler Label Hat-Hut-Records verewigter Duoauftritt mit Max Roach aus dem Jahre 1979 gilt zu Recht als legendär. Doch diesmal waren die packenden Momente rar: Er hat den Zenit überschritten.

Fast ohne Tasten
Braxton stand ursprünglich gar nicht auf dem Programm, er sprang ein für den Pianoforte-Methusalem Cecil Taylor, der wegen eines Arthritis-Schubes absagen musste. Das Schicksal scheint es zurzeit wirklich nicht gut zu meinen mit den Tastenkünstlern des Jazz. Man denke an Mulgrew Miller, George Duke, Cedar Walton und Marian McPartland, die kürzlich verstarben. In Willisau stand nur bei zwei Konzerten ein Flügel auf der Bühne. Beim Auftritt des Schwagers von Madonna tendierte der Jazzanteil allerdings schwer gegen null: Dass der Singer-Songwriter Joe Henry nach Donat Fisch auf die Bühne durfte, kann man entweder als Zeichen für Offenheit werten oder als kaum zu übertreffende Beliebigkeit. Überhaupt hätte man sich in diesem Jahr die Kosten für interkontinentale Flüge fast ganz sparen können. Das Quartett Blazing Beauty des Gitarristen Brandon Ross klebte zu sehr an den Notenständern, und beim Nonett Living By Lanterns war die kompositorische Substanz gar dünn. Gäbe es einen Preis für planloses Aneinander-vorbei-Spielen, der Gitarrist Nels Cline und der «Schlagzeuger» Greg Saunier hätten ihn problemlos gewonnen. So blieb das afroamerikanische Quartett des fulminanten Schlagzeugers Marcus Gilmore mit seiner nicht sonderlich originellen, aber durchaus dringlichen Rezyklierung des panmodalen «Bitches Brew»-Konzepts von Miles Davis heuer der einzige Lichtblick aus den USA. Mit Graham Haynes (Elektrokornett), Taurus Mateen (Elektrobass) und David Bryant (Klavier, Fender Rhodes)kreierte Gilmore einen hypnotischen Voodoo- Groove-Jazz, der aufwenigen Loops und Patterns basierte.

Tom Gsteiger

❮ zurück