NZZ am Sonntag 2013

Freiheit in der Beschränkung
Vor dem Auftritt am Jazzfestival Willisau angelt Saxofonist Donat Fisch in Lappland.Um diesen Fisch zu fangen, muss man den richtigen Zeitpunkt erwischen. Insbesondere im Sommer pflegt Donat Fisch längere Zeit von der Bildfläche· zu verschwinden. Wir hatten aber Glück: Kurz vor seiner Abreise nach Lappland fand der grosse Schweizer Jazz-Solitär Zeit für ein Gespräch auf einer Parkbank in Bern - danach holte er beim Schuhmacher seine neu besohlten Wanderschuhe ab. Was sucht Donat Fisch im hohen Norden? «Dort fühle ich mich als Teil des Ganzen», sagt er. «Das ist hier nur noch selten der Fall. Die Mehrheit meiner Stücke habe ich dort oben geschrieben.»

Auf seinen wochenlangen Trekkings ist der Asket auf sich alleine gestellt. Was im Gepäck nicht fehlen darf, sind eine Angelrute, ein Skizzenblock, ein Saxofon und ein paar Bücher. Diese werden nach der Lektüre Seite um Seite dem Feuer übergeben, um das Gepäck leichter zu machen. Mit skandinavischem Schönheitskitsch à la Jan Garbarek hat Fischs durchaus melodiöse Musik, die zwischen Rubato-Nachdenklichkeit und Rabatz-Action oszilliert, allerdings nichts zu tun. Mit Emotionen dürfe man nicht berechnend umgehen, gibt der Musiker zu bedenken. Sonst entstehe «Musik-Pornografie». Und: «Schöne Töne kommen nur in Kombination mit hässlichen zur Geltung.» Damit vertritt Fisch eine ähnliche ästhetische Auffassung wie der folkloristisch-futuristische Jazz-Visionär Ornette Coleman, von dem er auch ein Faible für ungewöhnliche Formen übernommen hat. Die Spannung zwischen Natur und Kultur zieht sich wie ein roter Faden durch Fischs Leben. Es beginnt am l6. März 1956. Der Knabe wächst über der Aare in der grün umwucherten Halensiedlung bei Bern auf, im Elternhaus verkehre viele kreative Geister, der Vater ist Maler und Zeichenlehrer. Als bekiffter Autodidakt auf der Gitarre durchläuft Fisch eine Rock-Phase, bevor er im Alter von 22 Jahren John Coltranes «A Love Supreme» hört: Er schwenkt von Rock auf Jazz um und beginnt als leidenschaftlich entflammter Spatzünder wie ein Besessener Saxofon zu üben. 1983 schliesst Fisch ein Biologiestudium ab. Drei Jahre später hat er das Diplom der Swiss Jazz School im Sack. Über seinen wichtigsten Förderer, den zehn Jahre älteren Saxofonisten Andy Scherrer, sagt Fisch: «Er hat die Tradition verarbeitet und zu einer eigenen Stimme gefunden. Wenn er spielt, spürt man das Charisma eines richtigen Jazzmusikers, er ist kein Akademiker.» Und was sagt Scherrer über Fisch? «Am bemerkenswertesten finde ich seine Konsequenz. Er macht ohne Kompromisse seine eigene Musik. Seine Kompositionen sind hervorragende Vehikel für die Improvisation.» Statt sich zu verzetteln, bohrt Fisch lieber in die Tiefe: Er präsentiert nicht immer neue Projekte, sondern arbeitet über viele Jahre, mit denselben Musikern an einem sich evolutionär entwickelnden Repertoire, das ausschliesslich aus Eigen­kompositionen besteht. 1989 gründete er die nach wie vor aktive Gruppe Fisch im Trio mit dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter und dem Bassisten Thomas Dürst, auf den 2005 Bänz Oester folgte. 1996 entstand das Duo Circle & Line mit .dem Schlagzeuger Christian Wolfarth. Was Fisch sucht, ist «Freiheit in der Beschränkung», die zu «klaren Aussagen» führt; er wünscht sich von der Gesellschaft «mehr Akzeptanz für langsame kreative Prozesse». Von Fischs tollkühnem Trio gibt es gerade einmal zwei Alben: «Toys» wurde 1991 aufgenommen, «Live im Bird's Eye» entstand 2005. Dazu kommen drei Studioaufnahmen, auf denen das Trio zum Quartett erweitert wird: «Intervals and Melodies» von 1995 mit dem Bassklarinettisten Hans Koch, «Mr.Goodman» von 2000 · mit dem Trompeter Peter .Schärli und «Lappland» von 2008 mit Scherrer. Die Quartett-Formation mit dem magistralen Sax Gespann Fisch und Scherrer wird nun auch am Jazzfestival Willisau zu hören sein. Es mag etwas hochtrabend klingen, aber falsch ist es trotzdem nicht, von einem Treffen der Giganten zu sprechen. Dass Fisch und Scherrer zur Sorte von Menschen gehören, die ihr Licht unter den Scheffel stellen, ändert nichts an der Tatsache, dass sie den Vergleich mit weitaus berühmteren Kollegen aus Übersee keineswegs zu scheuen brauchen. Gemeinsam verfügen Fisch und Scherrer über eine geradezu enzyklopädische Kenntnis musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten. Anstatt sich aufzuplustern, stellen sie ihre Virtuosität und das Raffinement des Klangs ganz in den Dienst unprätentiöser Improvisationskunst ohne Klischees und verbinden dabei ein hohes Mass an Akribie mit einem natürlichen Fluss.

Tom Gsteiger

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